
Das Warten hat ein Ende, die finale Staffel von Lost ist angebrochen und hat seinen Zuschauer gleich mit einer Doppelfolge zum Start die ultimative Gehirnverrenkung verpasst. Ich versuche mal, das Chaos zu ordnen.
Wer die Folge noch nicht gesehen hat und trotzdem weiter liest ist selbstverständlich selbst schuld, wenn er gespoilert wird.
Lost und digitale Spezialeffekte, das wird nichts mehr. Wir haben es in der Vergangenheit ja schon oft genug erleben können, wenn Smokey aussah wie mit Wachsmalstiften auf die Filmrollen gezeichnet oder Sayid im Irak vor einem wackeligen Greenscreen agierte. Dieses Mal gab es eine rasante Unterwasserfahrt, die wohl selbst in einer Computerspielumsetzung realistischer ausgesehen hätte. Aber solange das Geld verwendet wird, um weiterhin an atemberaubenden Locations zu drehen und mit einem der größten Casts der Geschichte der TV-Serien zu agieren, kann ich darüber hinwegsehen. Man hat sich ja schließlich auch dran gewöhnt.

Kleines Missgeschick, große Wirkung: In der Stöpsel-Station hat jemand vergessen, rechtzeitig die Taste zu drücken.
Das nur mal als seichter Einstieg, kommen wir zum Eingemachten: die Story. Jack sitzt in einem Flugzeug, mutmaßlich Flug 815, unterhält sich mit Rose, wird von Cindy mit Wodka versorgt, dann gerät die Maschine in Turbulenzen. Der Pilot bringt alles unter Kontrolle, es kann weitergehen. Die Kamera fährt nach draußen und taucht durch die Wasseroberfläche in die Tiefe, wo wir das Antlitz der Insel entdecken: die Baracken und schließlich die Überreste der vierzehigen Statue. Der Plan hat geklappt, die Zeitlinie wurde verändert, das zeigen schon die kleinen Abweichungen in der Flugzeugszene. Andere Frisuren, andere Sitzreihen, nur halb so viel Wodka für Jack. All das ist sicher sinnlos, tiefer zu interpretieren – wird wohl eher der Schmetterlingseffekt sein. Aber was nun? Serie zuende? “We have to go back” Nummer 2?
Kate erwacht auf einem Baum, taub von der Explosion, die stattgefunden hatte. Sie ruft nach den anderen und findet Miles, Jack und Sawyer sowie den Krater der Schwan-Station, der nach dem Einsatz des Failsafe-Schlüssels durch Desmond zurückblieb. Die Losties sind zurück in 2004 – oder genauer gesagt: 2007. Und wird klar, dass die beiden Erzählstränge so einfach nicht zusammenpassen. Gar nichts hat sich verändert und doch wieder alles. Zwei parallele Zeitlinien werden erzählt, die nicht vereinbar sind. Charaktere agieren in beiden Zeitlinien, die bislang nichts miteinander zu tun haben. Für einige mag das der erste große WTF-Effekt der Staffel gewesen sein, ich muss sagen, ich hatte damit gerechnet. Die parallele Zeitlinie war ja das Ziel der fünften Staffel, der Titel “LA X” (in Anspielung an den Zielflughafen LAX sowie die Parallelwelt Earth X aus diversen Comics) wies darauf hin und dass man die Insel nicht komplett aus der Handlung nimmt, war auch klar. Da boten sich die Flash-Sideways einfach an.
Welchen Zweck diese im weiteren Verlauf haben werden, ist noch überhaupt nicht absehbar. Bislang wurde eigentlich nur gezeigt, wie die alternative Realität ohne den Absturz verläuft. Und die sieht für die meisten gar nicht so gut aus. Kate ist auf der Flucht vor Mars und entführt ein Taxi, in dem gerade auch Claire unterwegs ist (die gar nicht im Flugzeug gewesen zu sein scheint), Jack hat die Beerdigung seines Vaters zu organisieren und muss sich von der Fluggesellschaft erzählen lassen, dass diese offenbar den Sarg mit der Leiche verschlampt hat. Locke sitzt wieder im Rollstuhl, Charlie ist wieder ein Drogenjunkie und kommt noch während des Fluges beinahe um (der Absturz hat ihm damals also das Leben gerettet – wenn auch nicht für lange), Jin und Sun erwartet eine unangenehme Zeit mit dem amerikanischen Zoll und Rose wird aller Wahrscheinlichkeit nach an Krebs sterben. Auf der Insel waren sie alle besser dran, was ja in den vergangenen Staffeln bereits angedeutet wurde.
Ich schätze mal, dass die alternative Realität künftig auf zwei Arten genutzt wird. Zum einen, um ein klassisches “Was wäre wenn”-Szenario zu erzählen und zu zeigen, was mit den Charakteren ohne den Absturz geschehen wäre, wie sie sich entwickelt hätten und wie sich diese neuen Charaktere von den durch über hundert Tage auf der Insel geformten unterscheiden, die wir parallel immer noch zum Vergleich haben. Die beiden Sawyers haben beispielsweise nur noch sehr wenig gemein. Auf der anderen Seite dürfte die alternative Realität wieder einen Bogen zur Mythologie schlagen, ohne den sie wirklich sinnlos wäre. Andeutungen gibt es ja bereits. Während des Fluges setzt sich Desmond, der ja nun nicht auf der Insel gestrandet sein kann, zu Jack, der meint, sich an ihn zu erinnern. Das kann ein Hinweis sein, dass er sich an die andere Realität erinnert oder auch einfach an das Treffen im Stadion. Sofern dies stattgefunden hat, denn in “Glaube und Wissenschaft” erkannte er ihn schließlich sofort wieder. Mysteriös ist allerdings, dass Desmond später wieder verschwindet, was sehr auffällig inszeniert wird und er auch beim Aussteigen aus dem Flugzeug nicht unter den Passagieren erscheint. Ist Desmond eine Konstante nicht nur durch die Zeit sondern auch durch die Dimensionen? Er selbst scheint das aber nicht zu wissen. Ob auch das der verschwundene Sarg mit Jack Shepard mit der Mythologie zusammenhängt, lässt sich schwer sagen. Dass die Fluggesellschaft keinen Schimmer hat, wo sich dieser gerade befindet, lässt diese Story zwar in einem seltsamen Licht erscheinen, andererseits kann das auch eine bewusste falsche Fährte sein. Abgesehen von diesen beiden Elementen, Desmond und dem verschwundenen Sarg, sowie einer unerklärten Wunde an Jacks Hals gibt es dann aber auch keine Hinweise, dass diese Realität überhaupt von der Insel-Mythologie beeinflusst wurde. Wie schnell sich das ändert, lässt sich kaum sagen. Schließlich wurde bereits dafür gesorgt, dass Jack, John, Sun und Jin noch länger mit der Fluggesellschaft hadern dürfen, Locke zwecks Untersuchung sicher bei Jack vorbei schauen wird und Claire und Kate wurden durch Kates Flucht gekoppelt, sodass es erst einmal nicht die Mythologie braucht, um diese Charaktere beisammen zu halten.

Charlie ist stinkig: Kein Absturz bedeutet auch kein Gratis-Heroin.
Einen Fingerzeig darauf, dass die beiden Realität verknüpft sind, gibt es in der normalen Realität (also die auf der Insel – viele bezeichnen diese als die alternative Realität, aber das ergibt für mich gar keinen Sinn). Juliet will Sawyer mit ihren letzten Worten eine Botschaft mitteilen, die dieser erst später durch Miles’ Fähigkeit, mit Toten zu kommunizieren erhält: “It worked”. Im vorherigen Kontext ist das eindeutig auf Jacks Plan, den Absturz von Flug 815 zu verhindern, bezogen. Da dies in dieser Realität aber ganz offensichtlich nicht geklappt hat, scheint Juliet einen Einblick in die alternative Realität erhalten zu haben. Zu schade, dass Jack und Sawyer das vorerst nicht verstehen werden können. Aber Jack muss ja schließlich noch eine Weile als der Buhmann für den verqueren Plan herhalten, der Juliet das Leben kostete.
Endlich wird das explizit gesagt, was ohnehin schon jeder ahnte: Smokey kann die Gestalt von Menschen annehmen und insbesondere die von Locke, als der er seit Mitte der fünften Staffel agierte. Somit ist Smokey eindeutig als der Gegenspieler von Jacob identifiziert. Besonders gefreut hat mich an der Szene in der Statue als Smokey sich der Bodyguards von Jacob entledigt: Smokey steht nicht wie sonst so viele Dämonen in anderen Serien und Filmen ratlos vor einem Schutzkreis, den jemand um sich gezogen hat, sondern reißt mal eben die halbe Halle ein, um diesen letzten Widersacher auch noch zu killen. Smokey will laut eigener Aussage einfach nur “nach hause”, womit auf den ersten Blick der Tempel gemeint sein dürfte. Ich hoffe sehr, dass das nicht alles ist, denn Smokeys Aktionen in den vergangenen Staffeln waren doch ziemlich spezifisch und was dahinter steckte ist auch nach den aktuellen Enthüllungen ziemlich unklar. Klar ist hingegen, dass Ben von alledem nicht den blassesten Schimmer hatte. Ein bisschen seltsam wirkt es ja schon, dass ausgerechnet Ben, der Smokey ja offenbar kontrollieren oder zumindest rufen konnte (oder tat Smokey nur so als ob?) diesen so schlecht kennt, dass er Lockes Wiederauferstehung, den er schließlich zuvor selbst getötet hatte, eher als Wunder annimmt statt zu hinterfragen, ob er nicht eine Inkarnation von Smokey sein könnte. Überhaupt scheint Ben eine ganz arme Wurst zu sein. Jacob sprach nie mit ihm, Smokey trickste ihn aus, Richard scheint viel mehr Macht über die Anderen zu haben als er. Und auch die Leute im Tempel machen nicht den Eindruck als ob sie sich von jemandem wie Ben etwas sagen lassen würden. Oder ihn überhaupt in den Tempel ließen. Aber das gibt Michael Emerson bloß erneut die Chance, Ben in einer ganz neuen Facette brillieren zu lassen, so vor allem in der Szene als Richard ihn vor Lockes Leiche wirft und er feststellen muss, dass er die ganze Zeit getäuscht wurde. Mal sehen wie es mit Ben weitergeht. Ist er jetzt gebrochen oder wirft er noch einmal alles nach vorne, um den Man in Black (Smokey) aufzuhalten? Richard hingegen hat den Überblick über das Geschehen auf der Insel. Als einziger scheint er sofort zu erkennen, wer sich da als John Locke ausgegeben hat. Der wiederum macht eine seltsame Bemerkung darüber, dass es gut sei, Richard befreit von den Ketten zu sehen. Ob das wörtlich oder metaphorisch (zum Beispiel die Ketten des Nicht-Alterns, die durch den Tod von Jacob gelöst sein könnten) gemeint ist, bleibt erst einmal offen.

"Wie, das ist gar keine Gitarre? Dann hat Charlie mich bei den Unterrichtsstunden ja bloß verarscht!"
Ja, der Tempel. Eine kleine Überraschung für mich, dass es den überhaupt gibt, denn ich hatte bislang das verfallene Gemäuer, in dem Smokey gerne herumschleicht, für den Tempel gehalten. Nun gibt es ihn wirklich und nicht nur ist es ein echter Tempel, er ist auch viel mehr als ein einfacher Zufluchtsort für die Anderen wie es in Staffel 3 den Anschein hatte, sondern hier scheint das Zentrum der Macht zu liegen, in dem ein ganz neuer Charakter das Sagen hat: Dogen, ein strenger japanischer Anführer, der es bevorzugt, Japanisch zu sprechen obwohl er Englisch fließend spricht und versteht. Viel erfahren wir über ihn und seinen Übersetzer Lennon nicht, außer, dass er Kontakt zu Jacob haben dürfte, da er beim Ankh, dass dieser ihm durch Hurley überbringen ließ, sofort weiß, dass eine Botschaft (offenbar mal wieder eine Liste) darin versteckt ist. Interessant ist der Stil, in dem Tempel und Bewohner gehalten sind. Eine Stufenpyramide, wie man sie in Mittelamerika in den Überresten der Maya- und Aztekenreiche findet, versehen mit Hieroglyphen aus dem alten Ägypten. Ein japanischer Anführer, arabisch anmutende Kleidung. Also ein totales Potpourri an kulturellen Einflüssen. Besonders die Aztekenpyramide mit den Hieroglyphen wirft natürlich einige Fragen auf, haben sich diese beiden Kulturen doch niemals getroffen. Eigentlich fallen mir da nur zwei Möglichkeiten ein: Entweder enthält der Tempel ein Portal ähnlich dem Frozen Donkey Wheel, nur zweiseitig, sodass es unmittelbare Verbindungen zu verschiedenen Teilen der Erde herstellen kann. Quasi eine Magic Box. Oder aber, die Insel hat sich in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden schon durch alle Regionen der Welt bewegt und dabei Kontakt zu den verschiedensten Kulturen aufgenommen. So kamen die Ägypter auf die Insel, später die Azteken, dann japanische Samurai. Oder so.
Die Templer sind sichtlich schockiert als sie von Jacobs Tod hören. Dies scheint das Startsignal für einen finalen Kampf gegen den Man in Black zu sein. Offenbar wurde damit gerechnet, dass dieser Tag kommen würde, denn alle wissen beim Glockengeläut, was zu tun ist. Was schützt der Tempel und warum? Innen ist ein Wasserbecken, mit dem Sayid wiederbelebt wird, was erst nicht so ganz klappen will (grandios, wie Dogen Jack und Kate mit einem knappen “Your friend is dead.” abkanzelt nachdem dieser bei der Wiederbelebungsprozedur ertrunken scheint). Das Wasser ist verunreinigt wie Lennon zu Beginn feststellt. Ich sehe das als Hinweis auf Jacobs Tod, der den Einwohnern an dieser Stelle noch nicht bekannt ist. Das Becken könnte also ein wesentlicher Bestandteil von Jacobs Macht sein, was wiederum die Spekulation nährt, das Jacob nun in Sayids Körper gefahren ist und dies ein lange eingefädelter Plan war, um den Mord durch Ben zu überstehen, indem er Hurley einst den Gitarrenkoffer mit dem Ankh gab. In diesem Zusammenhang fällt noch etwas auf: Der Man in Black scheint niemals außerhalb der Insel aufgetaucht zu sein, seinen ganzen Plan muss er über Locke einfädeln, den er in Form von Christian noch auf der Insel instruiert, was zu tun ist nachdem er mit dem Drehen des Rades die Insel verlassen hat. Ganz im Gegensatz dazu Jacob, der sich in das frühere Leben fast jedes Losties eingemischt hatte. Wenn Smokey also nach hause will, ist damit wirklich der Tempel gemeint oder die Außenwelt? Stammt er vielleicht aus Ägypten? Schließlich ist er in den Katakomben vor dem Tempel in einer Inschrift zusammen mit Anubis zu sehen (in der Folge als er Ben in Form von Alex erscheint). Will er vielleicht durch den Tempel wieder in die Außenwelt gelangen? Das würde abermals für ein Portal sprechen.
Was ist nun eigentlich mit der Gruppe um Ilana? Die kam offenbar auf die Insel, um Jacob zu schützen, dummerweise ein wenig zu spät. Überhaupt: wofür braucht Jacob eine geheime Gruppe Bodyguards auf dem Festland, die die Insel unter normalen Umständen nicht einmal finden könnte, wenn er offenbar eine ganze Gefolgschaft im Tempel hat?

Welcher Schlingel hat Jacob ins Badewasser gepinkelt?
Kleiner Wermutstropfen und eigentlich derselbe wie schon in der letzten Staffel: an den Hauptcharakteren, den Überlebenden des Absturzes der Maschine 815, läuft die Story erneut ziemlich vorbei und verdammt sie zum Zuschauen. Jack, Kate, Sawyer, Hurley, Jin und Miles folgen einer Anweisung von Jacob und werden nach der Ankunft im Tempel zu Statisten degradiert, da Dogen und Lennon das Kommando übernehmen. Sun und Frank schauen sich bei der Statue auch nur interessiert das Spektakel an ohne Einzugreifen. Selbst Ilana ist hier stärker in das Szenario eingebunden als die beiden. Nie wird klar: Was wollen Jack und co. eigentlich? Wollen sie überhaupt was? Möchten sie wieder von der Insel runter nachdem sie doch gerade erst freiwillig dorthin zurückgekehrt sind? Die Losties wirken völlig verloren in der Szenerie, die ihnen jegliches Ziel genommen hat. Die Außenwelt hat nichts zu bieten, das Geschehn auf der Insel liegt nicht mehr in ihrer Hand, die Versuche, eine Alternative, nämlich die Veränderung der Vergangenheit, zu bewirken, sind gescheitert. Wie soll ich da als Zuschauer mitfiebern? Mitfiebern, dass der Tempel sich erfolgreich verteidigen kann? Wieso sollte ich, ich kenne die Leute darin doch gerade mal eine Stunde und habe keine Ahnung, was es mit dem Tempel überhaupt auf sich hat? Leider besteht dieses Problem schon seit die Oceanic Six die Insel verlassen haben.
Ähnliches zeigt sich in der parallelen Realität. Hier haben die Charaktere zwar Ziele, aber die sind nichts, womit man einen Lost-Fan noch vom Hocker hauen könnte: Gelingt Kate die Flucht? Kommt Jin unbeschadet durch den Zoll? Bekommt Locke seine Messersammlung zurück? Um diesen Charakteren überhaupt das Ziel zu geben, sich aus eigenem Antrieb mit der Inselmythologie zu beschäftigen, wird noch ein Kunstgriff nötig sein.
Alles in allem aber ein gelungener Auftakt, der uns wie in jeder Staffel in erster Linie in die neuen Themen einführt und die neuen Figuren vorstellt. Große Wow-Effekte blieben aus, auch wenn die Anfangssequenz, die sich stilistisch an der der Staffeln 2 und 3 orientierte, schon ein gewisses Etwas bot. Nur dass der Überraschungseffekt den beiden genannten Staffeln nicht das Wasser reichen konnte. Interessante Anlagen sind gegeben: Welche Geheimnisse birgt der Tempel? Was hat es mit dem Zweikampf zwischen Jacob un dem Man in Black auf sich? Welchen Zweck erfüllt die alternative Realität? Und wie kann es überhaupt zwei verschiedene Realitäten geben? Nur sollten die Charaktere sich auch endlich mal selber für diese Fragen interessieren und sich nicht einfach immer bloß mitschleppen lassen.

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