Ich weiß, ich habe in letzter Zeit mit dem Bewerten von neuen Pilotfolgen mal wieder ordentlich geschludert. Es fehlt schlicht: die Zeit. Schließlich läuft wieder Lost und da geht einschließlich anschließender Diskussion, Standbildauswertung und Überlängen-Review das Fünffache der normalen Zeit drauf. Worum nun ausgerechnet der mutmaßliche Heuler der Season an die Reihe kommt, der sowieso kurz vor der Absetzung steht? Das dürfte zum einen an meinem ungesunden Hang zu Schrottfernsehen zusammhängen und auch damit, dass das zweistündige Caprica zu lang ist, um es sich nachts um eins einzulegen und deshalb nun schon seit Wochen sträflich vernachlässigt wird.
Schon vorab war viel gewitzelt worden. Eine Serie um Kriminalfälle die durch die Analyse früherer Leben von Menschen gelöst werden? Wer bei FOX hat so einen Schwachsinn durchgewunken? Ganz ein solches Desaster ist die TV-Adaption von The Reincarnationist dann doch nicht.
Dr. Kate McGinn und ihr Mentor Dr. Talmadge sind Spezialisten für Reinkarnationsfälle, in denen sich Menschen eine Regression erleben, Erinnerungen an ein früheres Leben, das oftmals unsanft beendet wurde. Um diese Mordfälle zu lösen, zieht Kate den Ex-Cop Price Whatley hinzu. Als ein 14-jähriger Junge beginnt, sich bruchstückhaft daran zu erinnern, wie er als kleines Mädchen ermordet wurde, nehmen die beiden die Ermittlungen auf.

"Bitte gehen Sie ungestört weiter ihrem Geschäft nach, wir drehen nur einen Dokumentarfilm!" - Prices Hang zum Voyeurismus ist der Polizei ein Dorn im Auge
Wie kann man bloß eine Krimiserie auf Reinkarnation und Seelenwanderung aufbauen? Das wurde im Vorfeld oft kopfschütttelnd gefragt. Nun – wie kann man eine Serie über eine Insel drehen, die sich in Raum und Zeit bewegt oder über Außerirdische, die auf der Erde landen? Wie so oft gilt: Die Prämisse der Serie ist einfach zu akzeptieren und die lautet hier, dass Reinkarnation existiert.
Past Life begeht aber einige dicht verwandte Fehler und radiert sein Supension of Disbelieve direkt wieder aus. Viel zu einfach lassen sich die Regressionen (den Rückfall des Verstands ins frühere Leben) triggern, der logische Faden dorthin ist oftmals bedenklich dünn. Im Verlauf der Serie dürften sich weitere Fragen aufwerfen: werden Amerikaner stets in Amerikanern wiedergeboren? Man möchte wetten, dass es so ist und für den gemeinen Ami sowieso eine Selbstverständlichkeit. Und wenn es so viele Regressionen gibt, das man damit jede Woche einen Mordfall aufklären kann, wieso scheint Reinkarnation in der Serienwelt weithin immer noch als Spinnerei abgetan zu werden? Past Life dreht sich nunmal um ein Phänomen, nicht um eine Figur und dürfte damit kaum lokal verankert sein.

Wo mag wohl das "I want to believe"-Poster hängen? Kate und Price suchen nach dem Profil ihrer Vorbilder - um es zu stehlen.
Apropos Figuren: FOX und auch ABC, die im Herbst den Flop The Forgotten auf den Markt brachten, sollten sich die Serien des Crime-Marktführers CBS lieber nochmal genau ansehen. Mit einem halbwegs neuen Erzähldevice ist es nämlich nicht getan. Wobei selbst das bei Past Life sehr eng mit Medium und auch Without a Trace verwandt ist. The Mentalist etwa wurde nicht zum Hit der letzten Season, weil es das Thema Mentalismus behandelte, sondern weil es eine einzigartige und facettenreiche Hauptfigur kreierte. Bei Past Life (und auch The Forgotten) ist der Cast total generisch, so als hätte man sich gedacht, das Reinkarnationsthema würde die Serie schon alleine tragen. Kate ist immer gut gelaunt, womit ich alles was wir über sie erfahren bereits genannt habe, und Price ist der x-te Ex-Cop im Crime-Fernsehen, der die Schuld am Tod seiner Frau trägt. Mit mehr Crime-Klischee konnte man die Rolle gar nicht aufladen. Das Zusammenspiel der beiden soll offenbar ein wenig Mulder-und-Scully-Dynamik mit sich bringen. In dieser Beziehung versagt das Skript aber total. Price wird zwar immer wieder als Skeptiker bezeichnet, bewegt sich aber in vielen Szenen so tief und selbstsicher in der Thematik als wäre Seelenwanderung für ihn das Selbstverständlichste der Welt. So wird die Dynamik des Duos alleine noch dadurch gerettet, dass es vor allem Kelli Giddish gelingt, ihrer Rolle trotzdem Leben einzuhauchen.
Auch abgesehen von der Charakterzeichnung offenbart das Skript einige Schwächen. Der Handlungsverlauf ist absolut linear, beim Fortkommen im Fall fehlt jeglicher Aha-Effekt, vieles was voranbringt, ist schlicht unwahrscheinlich: die oben genannte Szene im Park, die Tatsache, dass Price trotz geringster Hinweise bei einer kurzen Zeitschriftenrecherche prompt die Opfer von vor 14 Jahren findet, das Auffinden des Bootes. Überraschende Wendungen bleiben aus (dass die Schwester noch lebt, konnte jeder halbwegs erfahrene Serienzuschauer lange vorab ahnen), die Bindung an Täter und Opfer bleibt schwach – ein weiteres Problem das Past Life mit The Forgotten teilt: bis zur Identifikation des Opfers bleiben die Ermittler dessen persönlichen Umfeld zwangsläufig fern.

Reinkarnationisten-Logik: Dieser junge Mann war früher ganz klar ein Pinguin - da ging's auch mit Frack ins Wasser.
Komik gibt es übrigens keine – höchstens unfreiwillige. Etwa als Price durch eine öffentliche Toilette läuft, die Klotüren aufstößt, seine gezückte Kamera vor die Schüsseln und man einfach hofft, dass da jemand sitzt, der ihm dafür gleich eine blutige Nase verpasst.
Das, was Past Life vom kompletten Absturz bewahrt sind die Mechanismen der Crime Procedurals, die wie in wohl keinem anderen Genre auf’s Optimum entwickelt sind und die auch die Macher von Past Life beherrschen. Timing, Dramatik, Bildsprache, das korrekt dosierte Happy End. Da Past Life in der Umsetzung auf Experimente wie das peinliche Voice Over aus The Forgotten verzichtet, bleibt es somit immerhin ansehbares Fließband-Fernsehen. In der Masse, in der dieses existiert und vielmals einfach viel kreativer ausgestaltet wird, hat so eine Serie allerdings zurecht keine Chance.
Würde ich mir eher Past Life oder The Forgotten noch einmal ansehen? Past Life. Werde ich mir eines von beiden noch einmal ansehen? Nein. FOX’ eigenes Misstrauen in die Serie, das in einer geringen Episodenorder resultierte, war berechtigt, wie die ersten Quoten zeigten. Im Sommer wird die Show längst vergessen sein.

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