Review: Lost – 6×05 – “Lighthouse”

AlphaOrange, 8. März 2010

Lost Season 6

Urlaubs- und stress- und urlaubsstressbedingt später als sonst: die Review zur fünften Folge der finalen Staffel. Die Review zu Folge 6 schiebe ich möglichst schnell hinterher.

Ein spoilerfreier Happen vorab: Dies ist die 108-te Stunde von Lost.

Vorhang auf für eine weitere Jack-zentrische Episode, diesmal mit neuen Einblicken in die Parallelwelt, die wieder einmal gar nicht soviel neues offenbaren. In diesem Fall wären das: Jack hat einen Sohn namens David und lebt getrennt von der Mutter. Die Beziehung zu David ist nicht sonderlich gut, weil Jack sich nicht viel Zeit mit ihm nimmt. Am Ende erkennt Jack dann doch, wie sehr David seinen Vater braucht und alle sind glücklich. Klingt schrecklich soapig, fairerweise muss man sagen, dass das hier viel besser funktioniert als die ganzen elendigen Flashbacks um Jacks Probleme mit Vater und Ex-Frau. Die Geschichte um David ist stimmig, wenn auch im Großen furchtbar belanglos, da Jack in unserer und meiner Meinung nach einzig relevanten Realität nunmal überhaupt keinen Sohn hat!

Dürrezeit auf der Insel: Diesem Kind sind schon deutliche Mangelerscheinungen anzusehen.

Dürrezeit auf der Insel: Diesem Kind sind schon deutliche Mangelerscheinungen anzusehen.

Drei Dinge sind erwähnenswert: Jacks Mutter stößt im Testament von Christian auf Claire, von der Jack noch nichts weiß. Uns dürfte also eine fröhliche Familienvereinigung bevorstehen, die mir auf der Insel aber irgendwie lieber wäre. Außerdem bemerkt Jack verwundert seine Blinddarm-Operationsnarbe und muss erst seine Mutter anrufen, um zu erfahren, dass ihm der Blinddarm als Kind herausgenommen wurde. Erneut also eine kleine Vermengung der beiden Realitäten. Wir erinnern uns: Jacks Blinddarm wurde in der vierten Staffel von Juliet entfernt. Außerdem und wieder ein verwirrendes Detail der alternativen Realität: Jack begegnet Dogen samt Sohn. Damit stellt sich immer mehr die Frage, wie die alternative Realität ihren Anfang nahm, da Dogen hier kaum leben dürfte. Antworten gibt es in den Flashsideways – wie immer – aber nicht.

Highlight der Episode ist sicherlich die Reise von Jack und Hurley, der weiterhin vom toten Jacob instruiert wird und einen Fluchtweg aus dem Tempel gezeigt bekommt. Mit großem Dialogwitz und mythologischen Enthüllungen wird hier brilliert. Und mit dem Leuchtturm, zu dem die beiden gelangen, hat Lost ein großartiges Stück Mystery geschaffen. Ein Leuchtturm, dessen Spiegel die Leben der Losties in der Außenwelt zeigt (oder wohl eher deren alternatives Leben). Ein Spiegel, der die Kandidaten zeigt, die Jacob sucht und zur Insel geführt hat und dessen Gradzahl die Nummer ist, die in der Höhle (und auf dem Rad der Spiegelvorrichtung) notiert ist. Das gibt so viele faszinierende Antworten über die Zahlen und die Kandidaten ohne den mystischen Flair zu nehmen. Und ohne mit der Lost-Tradition zu brechen, mit jeder Antwort drei neue Fragen aufzuwerfen, was man natürlich nicht unbedingt gut finden muss.

Ja, spickt Hurley da etwa bei Jacobs Kandidatentest? So wird man aber nicht zum Hüter des Guten!

Ja, spickt Hurley da etwa bei Jacobs Kandidatentest? So wird man aber nicht zum Hüter des Guten!

Mich stört daran eher, dass statt einem direkten Weg der Auflösung hier wieder der über angebliche Psychospielchen gewählt wird. Hurley soll für Jacob den Leuchtturm auf 108 Grad ausrichten, aber Jack (natürlich, wer auch sonst?) zerstört die Spiegelvorrichtung bevor er das machen kann. Und Jacob ist trotzdem zufrieden, weil er Jack bloß zum Nachdenken bringen wollte. Diese Spielchen öden mich an. Ben, Dogen, MIB, Jacob – alle arbeiten mit Psychotricks, die ein ums andere Mal über unwahrscheinlichste Wege zum Ziel führen. Wenn es denn wenigstens schlüssig wäre. Warum will Jacob die 108 haben, warum nicht die 23? Dann würde Jack auf jeden Fall sein Bild sehen und nicht bloß durch puren Zufall. Sowas ärgert mich.

Weitere unwahrscheinliche Dinge passieren Jack und Hurley, aber dessen waren sich die Autoren immerhin bewusst und nahmen es mit Humor. So merken die beiden selbst an, wie seltsam es ist, ausgerechnet den Leuchtturm noch nie gesehen zu haben. Weitere schöne Details: Shannons Inhalator, der in der ersten Staffel verloren ging, wird gefunden und wir begegnen Adam und Eve, den beiden Skeletten in der Höhle wieder. Hurley weist uns ganz dezent darauf hin, dass es die ja auch noch gibt. Ein klarer Wink der Autoren, dass sie schon damals gesagt haben, Adam und Eve würden irgendwann als Beweis dienen, dass alles vorab geplant war. Ob der Beweis was taugen wird, bleibt abzuwarten, aber immerhin sind die beiden nicht vergessen worden, Spekulationen über ihre Identität bieten sich aber keine. Letztes Jahr gab es noch die (von mir immer für recht schwach gehaltene) Idee, es seien Rose und Bernard. Diese Erklärung taugt jetzt nach dem Ende der Zeitreisestaffel nichts mehr, da die beiden entweder ebenfalls wieder in der Gegenwart sind (müssten sie eigentlich, aber Zeitreisen funktionieren bei Lost sehr komisch und höchst selektiv) oder tatsächlich irgendwann in der Vergangenheit gestorben sind. Dann wäre das Trara um ihre Leichen aber heillos übertrieben.

Immer neue Rätsel, immer noch keine Antworten. Wie soll man in dieser Ungewissheit schauspielern? Matthew Fox hat die Nase voll und demoliert die Setdekoration.

Immer neue Rätsel, immer noch keine Antworten. Wie soll man in dieser Ungewissheit schauspielern? Matthew Fox hat die Nase voll und demoliert die Setdekoration.

Claire ist zurück und nimmt die Rolle ein, die einst Rousseau innehatte: die verrückte Einsiedlerin. Das muss auch Jin einsehen, der es nachdem Claire grundlos einen der Anderen umbringt dermaßen mit der Angst zu tun bekommt, dass er sogar in ihr Fantasiegebilde einstimmt und behauptet, ihr Kind befände sich bei den Anderen. Keine große Überraschung, aber trotzdem eine grandiose Szene ist der Schluss, als wir den “Freund” kennenlernen, den Claire mehrfach erwähnt: Locke. Beziehungswese das Wesen in Lockes Gestalt, die Claire offenbar durchschauen kann, denn seit der Landung des Ajira-Fluges dürfte MIB noch gar nicht bei Claire gewesen sein. Einfach göttlich ist das Grinsen, das Locke auf dem Gesicht hat. MIB scheint seine Gefolgschaft zusammen zu suchen. Was einem gleich die Frage eröffnet: Wo ist eigentlich Sawyer abgeblieben?

Schlussendlich ist “Lighthouse” die wohl bislang beste Folge der Staffel, was vor allem Jacks und Hurleys Trip zu verdanken ist, der uns endlich in Sachen Mythologie weiterbringt (oder zumindest diesen Eindruck erweckt, was für’s Erste reicht). Und nachdem mit Claire nun auch der letzte Hauptcharakter eingebunden ist und sich alle Parteien in Richtung des Tempels bewegen, ist auf ein bisschen mehr Tempo in den nächsten Episoden zu rechnen.

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