WM vorbei, jetzt gilt es noch einige Staffelreviews nachzuholen: Doctor Who, die fünfte Staffel der neuen Serie.
Es ist halt nicht alles Gold, was … aus der Feder von Steven Moffat rinnt. Das mussten dieses Jahr wohl einige Fans feststellen, deren Erwartungen sich seit der Verkündung, dass der “Moffmeister” die Nachfolge von Russell T. Davies als Showrunner von Doctor Who antritt, ins Astronomische geschraubt haben. Betrachten wir die fünfte Staffel als einen Richtungsweiser, was in den nächsten Jahren mit der Serie noch alles möglich sein sollte.

Der Doctor soll tatsächlich zu den Sternen reisen? Die BBC-Verantwortlichen stehen Moffats obskuren Ideen noch skeptisch gegenüber.
Wer eine Staffel mit 13 Folgen vom Niveau eines “Blink” oder “The Girl in the Fireplace” erwartet hatte, den kann man wohl getrost als äußerst naiv bezeichnet. Denn erstens schreibt Moffat ja nicht alle Folgen selbst und zweitens ist es schon etwas anderes, an einer ganzen Staffel zu arbeiten oder sich in jedem Jahr sorgsam eine einzelne Geschichte auszuwählen, die man erzählen will und diese dann optimal auszuarbeiten. So muss auch Moffat auf einen Pool von Autoren zurückgreifen und dabei entpuppte sich leider das ein oder andere Engagement als ziemlicher Fehlgriff. Sei es “Victory of the Daleks” mit seinem Finale, in dem die Kraft der Liebe eine Bombe dazu bringt, aufhören zu ticken, die komplett durchschnittliche Vampirstory (was jetzt nicht so negativ ist, wie es klingt – die Folge war halt nur einfach nichts besodneres), das verquaste “Amy’s Choice” oder der Chris-Chibnall-Zweiteiler “The Hungry Earth”, der mindestens eine Folge zu lang geraten war – den Nimbus, vor allem in der Mitte der Staffeln oft ziemliche Storyschwächen zu haben, beseitigte auch die neue Staffel nicht. Hinzu kamen die tollen Ansätze von “The Lodger” und ein bisschen auch “The Beast Below”, die am Schluss verpfuscht wurden sowie der zweite Teil des Weeping-Angels-Zweiteilers, der ein wenig der Hauruck-Fortführung des Season Arcs zum Opfer fiel.
Es ist schon fast alarmierend, wie dominant Moffats Name trotz der Vielfachbelastung auftaucht, wenn man die schreiberischen Sonnenseiten der Staffel betrachtet. Zwar war die Story der Pilotfolge so dünn und unausgegoren, dass sie hinter den meisten der darauffolgenden Episoden zurückfiel, ihren Zweck erfüllte sie aber perfekt: Die Figuren einzuführen. Das eben erwähnte “The Beast Below” leidet tatsächlich nur vom Schluss, der nicht zwingend logisch ist, ist bis dahin aber packend geschrieben und inszeniert. “The Time of Angels” war grandios, auch wenn das vor allem ein Verdienst des gesamten Filmteams war als des Autoren (was nicht heißen soll, dass es schlecht geschrieben war) und das furiose Finale entschädigt für einige schwächere Episoden und für die fermdkörperartig wirkenden Einbauten des Story Arcs während der Staffel.

Noch sind längst nicht alle Ideen für Dalek-Stories abgehandelt. Dieses Exemplar kommt frisch vom Schlammcatchen in Season 6.
Die sicherlich markanteste Änderung in der neuen Staffel gegenüber den vorangegangenen (die neue Besetzung mal ausgenommen) stellt die Umsetzung des Story Arcs da. Während Russell T. Davies einen solchen via “Name-Dropping” mehr imitierte als tatsächlich durchsetzte und durch das kontextlose Einfügen diverser im Finale relevanter Schlagwörter zwar zeigte, die Finalstory vorausgeplant zu haben (mit Ausnahme von Staffel I, deren “Bad Wolf” wohl eher aus einer Grafitti-Laune heraus entstand), sie aber elf Folgen lang kein Stück entwickelte, baute Moffat die gesamte Staffel rund um den übergreifenden Erzählrahmen. Das reichte von den einfachen Dingen wie der Belustigung diverser Außerirdischer, dass der Doctor keine Ahnung hat, was um ihn herum gerade geschieht und der Erwähnung verschwundener historischer Gegebenheiten, die sich dadurch, dass sie im Kontext des Finales eine inhaltliche Bedeutung erfuhren, von Davies’ Name-Dropping unterschieden, bis hin zu ganzen Szenen, die den Story Arc in den Vordergrund rückten, weitererzählten und bedeutende Wendungen enthielten.
Es ist ein großes Plus dieser Staffel, dass der Showrunner sich für einen solchen komplexeren Rahmen entschieden hat und den Zuschauern die Intelligenz zutraut, einer Geschichte auch über 12 Wochen folgen zu können und sich nicht am Ende bloß daran erinnern zu müssen, mal ein bestimmtes Wort gehört zu haben (und wenn nicht, spielte das ja auch nie eine Rolle). Es ist leider auf der anderen Seite auch ein großes Minus, denn die Art und Weise, wie die Rahmenhandlung in die einzelnen Episoden integriert wurde, finde ich noch nicht optimal. Das gravierendste Beispiel ist “Flesh and Blood”, der zweite Teil des Weeping-Angels-Zweiteilers. Nach dem fantastischen ersten Teil verschiebt sich der Fokus viel zu sehr auf den Raumzeit-Riss, der eigentliche Gegner, die eigentliche Geschichte rücken deutlich in den Hintergrund. Das endet schließlich darin, dass die Angels-Geschichte ziemlich unbefriedigend aufgelöst wird und der Riss als neuer Hauptfokus der Episode naturgemäß ebenso unzureichend aufgelöst wird. Dadurch zerfällt die eigentlich gute Episode leider ziemlich. Ein ähnliches Bild zeigte “Cold Blood”, der zweite Teil des Silurian-Zweiteilers, alelrdings in einer deutlich geringeren Ausprägung. Am Ende der Episode spielt auch hier plötzlich der Riss die Hauptrolle und bewirkt einen Bruch in der Erzählung der Episode. Da hier die Handlung aber zuvor bereits quasi-abgeschlossen ist, fällt das nicht so unangenehm auf. Für die nächste Staffel wünsche ich mir auf jeden Fall, den staffelübergreifenden Story Arc organischer in die Episoden einzuflechten. Es müsste ein potentiell permanentes Element sein, das nicht durch reinen Zufall auftaucht. Und bei ausführlicheren Szenen sollten diese mit der jeweiligen Episode eine Einheit bilden. Alternativ könnte man statt die großen Enthüllungen irgendwie an die Zweiteiler anzuhängen natürlich auch eine Einzelfolge drehen, die sich nur darum dreht – je nachdem, was für den jeweiligen Story Arc am besten ist.

Martha, Donna, Sarah Jane, Amy: Langsam hat der Pfarrer die Nase voll von Bräuten, die vor dem Altar beginnen, von einem unheimlichen Reisenden zu labern.
Die neuen Darsteller haben gehalten, was sie versprachen. Matt Smith gibt einen fabelhaften Doctor ab. Er schafft es, der Rolle wieder mehr das Alienhafte zu geben, was vor allem David Tennant ziemlich abhanden gekommen war. Smiths Doctor ist ziemlich weltfremd, ziemlich ungelenk im Umgang mit Menschen, was ihm diese herrliche Andersartigkeit verleiht. Daraus resultiert auch, dass der Doctor oftmals eine ziemlich unhöfliche Gestalt ist, der Manieren offenbar fremd sind. Solche negativen (und dazu ziemlich witzigen) Seiten finde ich sehr begrüßensewert. Auch Karen Gillan gibt einen tollen Companion ab. Amy versprüht den jugendlichen Esprit, den die Serie braucht und behauptet sich zugleich als eine dominante und dem Doctor ebenbürtige Person wie es zuletzt Donna tat. Nur wenn sie mal aus der generell überdrehten Veranlagung Amys ausbrechen soll, hat Karen Gillan doch noch einige Schwächen aufzuweisen.
Das Problem, das in der nächsten Staffel erst richtig zu einem werden könnte, liegt aber woanders: Ich mag Amy, ich mag Rory, aber so leid mir das tut: Die Chemie zwischen den beiden stimmt überhaupt nicht. Jedenfalls nicht in der Art und Weise, wie die Serie das erzählen möchte. Amy und Rory erscheinen eher als Kumpeltypen, aber ganz sicher nicht als sich liebendes Ehepaar. Das funktionierte die ganze Staffel über schon nicht, wurde aber dadurch kaschiert, dass Amy Rory ja tatsächlich erst einmal sitzen lässt und nach seinem Tod zudem praktischerweise von intergalaktischer Amnesie befallen wird. Und zuguterletzt sehen wir im Finale nur einen Plastik-Rory, zu dem eine gewisse unterschwellige Distanz auch sehr gut passt. Will Moffat Amy und Rory fortan gemeinsam reisen lassen, könnte sich das als Problem erweisen.
Dass Doctor Who wohl Budgetkürzungen hinnehmen musste (wovon ein Teil sicherlich durch die Einsparung an Tennants Budget egalisiert wurde), war der Staffel kaum anzumerken. Zwar gab es insbesondere im “Hungry Earth”-Zweiteiler immer mal wieder miese Effekte, aber die waren der Serie auch früher nicht fremd. Auf der anderen Seite wurde man als Zuschauer dann auch in “The Beast Below” mit tollen Weltraumbildern, in “Victory of the Daleks” mit einer filmreichen Raumschlacht und wie immer auch im Finale mit saftigen Effekten belohnt (wobei Davies’ Finals in der Hinsicht immer spektakulärer ausfielen). Darüber hinaus hängen der Doctor und seine Companions nicht länger ständig im London der Gegenwart fest. Genau genommen war das nur in zwei Folgen der Fall: der Staffelpilot “The Eleventh Hour” sowie “The Lodger”. Die teils etwas spärliche Ausstattung der anderen Schauplätze (das aus einer Straßenecke bestehende Venedig oder das aus einem Zelt bestehende Römerlager) musste man dafür natürlich in Kauf nehmen. Dazu sah die Ausstattung von “The Time of Angels” umso prächtiger aus. Einzig vermisst habe ich ein wenig die dominante Musikuntermalung der früheren Staffeln, die mir immer sehr gefiel. Mittlerweile ist mir das ein wenig zu dezent geworden.

"Hier noch ein Dalek-Schiff und dort 30 Cybermen-Frachter ..." - Bevor die BBC das übrig gebliebene Budget noch zurückfordert, verballert es Moffat lieber auf einen Schlag.
Ich halte fest:
Die Schauspieler machen einen tollen Job, allen voran Matt Smith, aber wie das Zusammenspiel von Amy und Rory aussehen wird, bleibt abzuwarten. Die erhoffte Erhebung Doctor Whos zur Super-Serie, die jede Woche einen neuen Kracher bereithält, ist (natürlich) ausgeblieben, aber insgesamt hätte das Niveau wirklich eine Spur höher sein können. Dabei fällt auf, dass kaum einer der neuen Autoren mit Moffat selbst auch nur annähernd mithalten kann – da sah es im Autorenpool früherer Staffeln mal besser aus. Der große Story Arc, auch dass dieser mit dem Ende der Staffel nicht vollständig abgeschlossen ist, ist der richtige Weg, Finetuning ist allerdings nötig. Geht man diese Punkte an, dann könnte Doctor Who in den nächsten Jahren eine wirklich starke Blütenphase erreichen. Dazu wartet allerdings noch einiges an Arbeit auf Steven Moffat.

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