Die WM 2010 in Südafrika ist vorbei, Spanien hat in der Verlängerung gegen die Niederlande den Titel geholt. Und bevor dieses Blog wieder verstärkt zur Bloßstellung peinlichen Trash-TVs und Rezension unserer geliebten TV-Serien zurückkehrt (und ich weiß ja, dass das der einzige Grund ist, weshalb ihr überhaupt vorbeischaut), die WM in der Retrospektiven: Wurde es wirklich “die beste WM aller Zeiten” wie es Sepp Blatter schon verkündete bevor überhaupt das erste Spiel angepfiffen war?
Die Organisation
Natürlich lässt sich darüber aus dem fernen Deutschland nicht besonders viel sagen, aber man denke bloß an die Horrorszenarien, die in den vergangenen Jahren ausgemalt wurden. Da wurde gemunkelt, die Stadien würden nicht fertig, das Verkehrsnetz sei nicht genug ausgebaut, die Fans zu den Stadien zu bringen und es wurden beständig Befürchtungen geweckt, dass jeder Besucher, der den Fuß vom Hotel- oder Stadiongelände setzt, sofort ausgeraubt oder von Straßengangs erschossen würde. Klar war die Organisation nicht perfekt. Da war mal der Trainingsplatz unbespielbar oder das Hotel illegal gebaut. Aber im Großen und Ganzen insbesondere vor dem Hintergrund des Abenteuers, eine Weltmeisterschaft in Afrika stattfinden zu lassen, kann sich die Organisation sicherlich sehen lassen und sollte einer weiteren Afrika-WM irgendwann in der Zukunft sicherlich den Weg geebnet haben.
Die Qualität der Spiele
Dafür können die südafrikanischen Organisatoren natürlich nichts, aber leider muss man festhalten, dass die spielerische Qualität doch ziemlich durchwachsen war und nicht zufällig in einem Negativrekord von nur145 Toren resultierte (2.27 im Schnitt pro Spiel). Ich werde mich garantiert nicht dem bei jeder Welt- oder Europameisterschaft aufkommenden Tenor anschließen, man möge doch die kleinen Nationen aus dem Wettbewerb verbannen, um langweilige Spiele zu vermeiden. Diese Teams haben es sich durch die Qualifikation verdient, dabei zu sein. Und da schaue ich lieber aufopferungsvoll kämpfenden (und verteidigenden) Außenseitern zu als großen Nationen, die lustlosen Larifari-Fußball spielen. Und nicht nur die kleinen Nationen haben gemauert. Nahezu jede Nation lief in einer “modernen” 4-2-3-1-Formation auf, die kaum ein Offensivspektakel zulässt.
Die enttäuschenden Teams
Frankreich: Muss ich da noch was zu schreiben. Das war zwar irgendwie furchtbar unterhaltsam, aber eben nur solange die Mannschaft oder sagen wir besser elf Spieler nicht auf dem Platz standen. Italien: Das kommt davon, wenn man als amtierender Weltmeister obwohl vier Jahre zuvor schon nicht überzeugend dieselben Spieler wieder auf den Platz stellt und die Jugendarbeit vergisst. Eigentlich auch keine Enttäuschung, weil erwartet. Auch England hat mich überhaupt nicht überzeugt.
Die überraschenden Teams
Uruguay: Diego Forlan hin oder her, solche Auftritte hatte wohl niemand erwartet. Uruguay steckte niemals zurück, war zweikampfstark und gleichzeitig fair und im Gegensatz zu vielen anderen Teams ständig an offensiver Bewegung interessiert. So wurde das Spiel gegen Deutschland dann auch das klar bessere Endspiel der WM. Neuseeland: Unglaublich aber war: Als einziges der 32 angetretenen Teams hat Neuseeland kein einziges Spiel verloren. Neuseeland! Gut, sie haben auch keins gewonnen, aber immer gekämpft, gegen die Slowakei in der Nachspielzeit den Ausgleich geschafft, Italien konnte die Niederlage nur per Elfmeter abwenden – und wurde trotzdem hinter Neuseeland Gruppenletzter.
Der Weltmeister
Spanien hat sich den Titel verdient. Es ist ein Traum, diesen Mittelfeldkombinationen zuzusehen – was meist auch die jeweiligen Gegenspieler tun nachdem sie realisiert haben, dass es eh zwecklos ist, dazwischen zu gehen. An einem mangelt es Spanien aber ganz enorm: der Abschluss. Würden die Spanier aus aussichtsreichen Positionen einfach mal draufhalten statt sich bis über die Torlinie zu kombinieren, dann wären auch die mageren Ergebnisse weltmeisterlich ausgefallen und die Partien ein wenig unterhaltsamer gewesen.
Die Schiedsrichter
Auf die Schiedsrichter wurde natürlich geschimpft – wie bei jeder WM. Und das leider nicht zu Unrecht. Die Praxis, allen Kontinentalverbänden ihren Anteil am Schiedsrichterkontingent einzuräumen, mag zwar politisch eine sinnvolle Entscheidung sein, auf dem Platz ist sie es nicht. Denn die Schiedsrichter aus Mali, den Seychellen oder Saudi-Arabien sind Spiele auf einem solchen Niveau mit solchem Tempo einfach nicht gewohnt. Diese Unerfahrenheit resultiert dann in Fehlentscheidungen insbesondere bei Abseitsstellungen und vor allem in den völlig verschiedenen Auslegungen der persönlichen Strafen. Der eine Schiedsrichter verteilt ein Dutzend gelbe Karten und stellt zwei Spieler vom Feld, der andere lässt bei gleicher Härte alles durchgehen. Das kann’s eigentlich nicht sein. Und was die künftigen Verbesserungen angeht, warten wir erst einmal ab. Bei der FIFA scheint die Tendenz ja nun schon wieder in Richtung der sinnlosen Torrichter zu gehen statt zum Chip im Ball (meine Meinung zu technischen Hilfsmitteln kurz und knapp: Chip im Ball oder Torkamera ja, Videobeweis nein – generell sollte man alle technischen Möglichkeiten nutzen solange sie den Spielfluss nicht verhindern – vielleicht irgendwann mal ein längerer Artikel dazu, wenn das Thema wieder aufkommt).
Der Jabulani
Und natürlich wurde wieder auf den Ball geschimpft. Ich spiele zwar selber gerne Fußball, aber wie sehr neue Ballmodelle wirklich die Flugbahnen verändern, mag ich nicht zu beurteilen. Eigentlich gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Es verändert sich gar nichts, das Gejammere ist nicht mehr als eine Ausrede für die noch kommenden schlechten Leistungen und der Ball selbst ein Marketing-Gag. Der Ball ist wirklich deutlich anders. Dann sollte man sich aber echt mal fragen, wo der Sinn darin liegt, kurz vor jeder WM und EM einen neuen Ball einzuführen, wenn der doch angeblich für schlechte Spiele sorgt. Damals (2006? 2004? 2002?) wurde ja vorgeschoben, mit einem neuen Ball schönere Tore sehen zu können. Das ist natürlich Bullshit, denn ein automatisches Lenksystem haben die Bälle nun wahrlich nicht, sie können höchstens so flattern, dass der Torwart vorbeifasst. Ob das nun aber der Sinn der Sache sein kann …
Die Vuvuzelas
Was wurde für ein Getöse um das Getöse gemacht. Oder war es vielleicht einfach der typisch deutsche Zwang, sich ständig über irgendwas beschweren zu müssen, besonders über Dinge, die anderen Leuten Spaß machen? Mich haben die Vuvus kaum gestört, sowas blendet man ja schon während des ersten Spiels einfach aus. Was nicht heißen soll, dass es auf dem Platz bzw. im Stadion kein unerträglicher Lärm war. Nichtsdestotrotz: Wenn die Afrikaner Stimmung mit der Vuvuzela wollen, dann wäre es eine Schande gewesen, das mit internationaler Regulierungswut zu unterbinden. Löblich, dass es dazu auch nicht gekommen ist.
Die Moderatoren
Am Ende gab es Blumen, Geschenke und Gesang vom ganzen Studioteam für den Fußball-Experten. Nach zwölf Jahren trat Günter Netzer ab und das eingespielte Team Delling/Netzer, das längst Kultstatus erworben hat, geht getrennte Wege – jedenfalls in beruflicher Hinsicht. Natürlich werde ich das zankende Gespann verzichten, denn prägend waren sie für das Länderspielfernsehen auf jeden Fall. Aber das permanente Spiel mit den aufgesetzten Streitigkeiten hat sich überlebt, irgendwann begannen sich beide nur noch selbst zu parodieren. Blickt man allerdings in die Zukunft, wo Mehmet Scholl alleine das Expertenamt übernimmt, dann wünsche ich mir Netzer eigentlich schon wieder zurück. Aber vielleicht lag es auch an Beckmann, dass die Analysen von ihm und Scholl zwar professionell waren aber dabei unglaublich dröge. Viel besser das ZDF: Den Weggang von Jürgen Klopp hatte ich ja sehr bedauert und als dann auch noch Oliver Kahn verpflichtet wurde, nur noch den Kopf schütteln können. Ich habe mich geirrt: Kahn macht seinen Job super und harmoniert prächtig mit Katrin Müller-Hohenstein. Mehr davon! Nicht mehr dagegen von Jauch und Klopp. Man sollte halt nicht immer auf seine Allzweckwaffen zurückgreifen. Gilt übrigens auch für den furchtbaren Florian König am Kommentatoren-Mikro.
Orakel Paul
Es ist eine unglaubliche Geschichte: Kraken Paul, schon bei der Europameisterschaft ungewöhnlich treffsicher, sagte den Ausgang aller sieben Spiele der deutschen Elf plus des Finales korrekt voraus. Ich bewies mit einem gewissen ironischen Unterton schon vor dem Spiel um den dritten Platz in meiner Quotenmeter-Kolumne, dass Paul übersinnliche Kräfte haben muss. Nach den letzten beiden Spielen kann man sich die ironische Note schon kaum noch leisten. Die unter der im Artikel vorgestellten optimistischen Variante (2/3-Vorteil für Paul bekannte Flaggen) weist nun noch eine Wahrscheinlichkeit von 0.9 Prozent auf, durch Zufall erreicht zu werden. Sowas passiert also im Schnitt alle 440 Jahre bei einer WM (natürlich nur, wen man nur jeweils ein Orakel zulässt). Bei komplettem Zufallsentscheid alle gut eintausend Jahre. Traurig, dass Paul nicht mehr die Möglichkeit bekommen wird, sein Können bei einem großen Turnier zu bestätigen, aber er hat ja in der Hinsicht auch niemandem mehr etwas zu beweisen.
Die spielfreudige deutsche Bubitruppe
Nein, ich bin kein Freund von Joachim Löw und werde das sicherlich auch nie werden. Aber ich muss seine Leistung wohl oder übel anerkennen. Aus einer solch jungen Truppe mit Spielern, von denen einige erst eine Bundesliga-Saison hinter sich haben und man bei anderen die bisherigen Länderspiele an einer Hand abzählen kann, eine derart funktionierende Einheit zu schaffen, hat meinen höchsten Respekt. Das deutsche Team hat einen Generationenwechsel vollbracht (und sollte den meiner Meinung nach mit einer Verabschiedungs Michael Ballacks fortsetzen) und eine große Zukunft vor sich. Schweinsteiger, Müller, Özil und alle die anderen – wann gab es zuletzt eine solche Anhäufung von Talent in einer deutschen Nationalelf? Und irgendwann werden sie auch Spanien wieder schlagen.
Das Fazit
Als Blatter die WM bereits vor dem Beginn als die beste pries, meinte ein Zeitungskommentar, er würde sich bei der Abschlussfeier selbst entlarven und nur noch von einer “großartigen” WM statt der “besten” sprechen. Ich weiß nicht, ob das wirklich so gelaufen ist, aber es würde den Tatsachen eher gerecht werden. Diese WM litt unter müden Favoriten, unter modernen Rasenschach-Systemen, unter der unplausiblen Schiedsrichterauswahl und für den ein oder anderen sicherlich auch unter den Vuvuzelas. Sicherlich war vor vier Jahren in Deutschland auch nicht alles super (zumal dort auch gerade mal zwei Tore mehr fielen), aber besser war es. Vielleicht aber auch einfach, weil die WM vor der eigenen Haustür stattfand. Ein unterhaltsames und spannendes Erlebnis war die gelungene WM in Südafrika aber auf jeden Fall.

Meine TV- und Statistik-Kolumne bei Quotenmeter.de
Bravo für diese tolerante Einstellung gegenüber den Vuvuzelas! Auch ich möchte dieses Instrument nicht missen: http://twiturl.de/vuvuhaydn