Wer glaubt, in der Sommerzeit mache das US-Fernsehen Pause bis im Herbst die neuen Serien und neuen Staffeln starten, der irrt. Besonders das Kabelfernsehen gibt in den Sommerzeiten ordentlich Gas und startet durchaus ambitionierte neue Serien, während man bei den Networks neben allerlei Ausschussware und Restposten abgesetzter Serien nur vereinzelt Neustarts zu sehen bekommt. Insgesamt läuft aber mehr als genug – zu viel, um es alles durchzuschauen. Daher nur ein kleiner Ausschnitt und der Überblick über die Piloten dreier Shows, die aus ganz unterschiedlichen Gründen mein Interesse geweckt hatten.
Haven (Syfy)
Drei Gründe, weshalb Haven unbedingt auf meinen Sommerfahrplan gehörte: Zunächst einmal läuft nicht besonders viel Sciencefiction bzw. überhaupt Phantastik im US-Fernsehen (vom deutschen mal ganz zu schweigen). Als Genre-Fan nimmt man erst einmal alles was kommt; aussortieren kann man später noch. Haven ist konzipiert als Adaption von Stephen Kings The Colorado Kid. Ich hab zwar wenig Interesse an Kings Büchern, aber allein, dass man einen renommierten Horror-Autor adaptiert, weckt Interesse und Ansprüche. Und zu guter letzt zeigte im letzten Jahr bereits Warehouse 13, dass Syfy nach ein paar Jahren voller ganz übler Serien durchaus noch in der Lage ist, auch abseits seiner Prestige-Franchises (Galactica, Stargate) unterhaltsames Fernsehen herzustellen (was ironischerweise bei den genannten Franchises immer schlechter gelingt).
Zum Thema King-Adaption kann man getrost sagen: vergesst es ganz schnell wieder. Ich kenne von der Geschichte zwar nur die Kurzbeschreibung, aber von der findet sich nun wirklich gar nichts in der Serie wieder. Das “Colorado Kid” dient bloß als Aufhänger für die Vergangenheit von Hauptcharakter Audrey Parker. Und auch wenn Haven atmosphärischer inszeniert ist als seinen Mitstreiter Warehouse 13 und Eureka: von der Atmosphäre (guter) King-Adaptionen hat es ziemlich wenig.
Tatsächlich geht es um folgendes: FBI-Agentin Parker kommt nach Haven um einen gesuchten Straftäter einzufangen, der jedoch mittlerweile tot am Fuße eines Kliffs liegt – aber ein bisschen zu weit, um einfach nur gefallen oder gestoßen worden zu sein. Als wie aus dem Nichts Sandstürme, Unwetter und Hagelstürme auftauchen, ist klar, dass etwas Übernatürliches sein Unwesen treibt – oder jemand Übernatürliches. Und das scheint den ganzen Ort zu betreffen.
Haven ist ein Null-Risiko-Projekt. Polizisten ermitteln in übernatürlichen Kriminalfällen. Das funktionierte in Eureka, das funktionierte in Warehouse 13 und nun soll es in geringster Variation auch mit Haven wieder klappen. Der Unterschied liegt eigentlich nur darin, dass Haven größtenteils auf Witz und Selbstironie verzichtet, dafür aber eben auch weniger überdreht ist und eine stimmigere Atmosphäre aufbauen kann. Storymäßig wird hier aber niemand vom Hocker gerissen, schauspielerisch ebenso wenig und was die durchaus netten Effekte angeht sollte man immer vorsichtig sein, sein Urteil der Pilotfolge auf die üblicherweise deutlich geringer budgetierte Serie zu übertragen.
Kurzum: Wer Mystery ohne viel Tiefgang mag, wird hier bedient. Wer Eureka oder Warehouse 13 gut findet, sollte einen Blick wagen, sich aber darauf gefasst machen, dass es nicht der Humor ist, den die Serien gemein haben. So langsam darf sich Syfy aber auch gerne mal wieder an innovative Stoffe wagen – eine Serie ohne FBI-Agenten wäre schon mal ein Anfang.
Covert Affairs (USA)
Im Zuge der hohen Erwartungen an J. J. Abrams’ Undercovers, das im Herbst auf NBC startet und als würdiger Alias-Nachfolger gehandelt wird, wurde mir Covert Affairs empfohlen. Die Grundlagen ist durchaus ähnlich: Bei Covert Affairs handelt es sich um eine Agentenserie, bei der die Hauptfigur Annie Walker sich ohne es selbst zu ahnen im Mittelpunkt des hintergründigen Geschehens wiederfindet und von den eigenen Leuten im Dunkeln gelassen wird. Auch der eingestreute Humor und der Einsatz von Walker in verschiedenen Rollen wie als Call Girl, das am Tatort scheinbar nur seine teuren High Heels sichern will, erinnern stark an Alias.
Und darum geht es konkret: Annie Walker (Piper Perabo), eine junge, aber hochtalentierte Agentin, wird aufgrund ihrer Sprachkenntnisse aus dem Training direkt auf eine Mission für die DPD (Domestic Protection Devision) geschickt, wo ihr der erblindete Techie Auggie Anderson zur Seite steht, um Informationen von einem russischen Informanten zu erhalten. Dummerweise wird dieser erschossen und Annie lässt die brisante Info am Tatort zurück. Dabei, den Fall auf eigene Faust noch in die richtigen Bahnen zu lenken, stößt sie darauf, dass der Informant selbst womöglich gar nicht der war, der er vorgab zu sein.
Das Positive ist: Covert Affairs hat durchaus all die Zutaten, aus denen sich eine tolle Serie machen ließe: Ein hübsche, aber sichtlich unerfahrene Agentin. Ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit, dass sie wieder zu verfolgen beginnt. Eine Mischung aus Action, Humor, Technik und zwischenmenschlicher Dramedy. Das Negative: Covert Affairs bekommt daraus einfach kein großes Ganzes zusammen. Die meisten Figuren bleiben erschreckend blass, der Plot wirkt reichlich konstruiert und in den Begründungen für seine Plot Pusher äußerst fadenscheinig. Die Enthüllungen über das Seriengeheimnis sind weder überraschend noch besonders vielversprechend. Und die Nebenplots laufen wirklich ordentlich nebeneinander her, aber niemals zusammen. Überdies hat die Serie eine höchst eigenwillige Kameraführung, die mir manch Szene (zum Beispiel eine Autojagd, aus der ständig das Tempo genommen wurde) ein wenig vermiest hat.
Covert Affairs wird damit wohl bloß als unterhaltsamer aber substanzloser Lückenfüller herhalten bis mit Undercovers der nächste Versuch einer neuen Agentenserie gestartet wird – und die Vorabkritiken lassen auch dort schon nicht mehr das Highlight erwarten, als das Undercovers mal gehandelt wurde.
Rizzoli & Isles (TNT)
Der Grund, warum ich Rizzoli & Isles startete war Sasha Alexander, die vor einiger Zeit nach zwei Staffeln aus NCIS ausstieg, weil ihr der Dreh einer wöchentlichen Serie zu anstrengend war. Offenbar hat sich das geändert. Der Grund, warum ich Rizzoli & Isles wohl treu bleiben würde, ist hingegen Angie Harmon, die die Hauptrolle der Jane Rizzoli spielt und darin regelrecht brilliert.
Polizistin Jane Rizzoli ist sarkastisch, wenig galant und verfügt offenbar über keinen modischen Geschmack – oder hält einen solchen wohl vielmehr für überflüssig und unpraktisch. Damit ist sie das Quasi-Gegenstück zu Maura Isles. Die Gerichtsmedizinerin erscheint selbst an Tatorten und in der Leichenhalle in ausgehfähigen Outfits und schlägt in der Serie im Gegensatz zur großspurigen Rizzoli die filigranen Töne an. Als ein brutaler Mord geschieht, sieht sich Rizzoli mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, denn der Täter scheint den “Chirurgen” zu imitieren, in dessen Gewalt sie einst selber geriet, bevor er festgenommen und hinter Gitter gesteckt wurde. Zu spät erkennt sie, dass es um mehr als eine bloße Nachahmungstat geht.
Auch wenn der Titel der auf einer in den USA populären Romanreihe beruhenden Serie anderes suggeriert, ist Jane Rizzoli die klare Hauptfigur. Es wundert einen nicht, dass der Pilot einst unter dem bloßen Titel Rizzoli produziert worden war, denn Maura Isles hat nicht viel mehr zu tun als die diversen Nebencharaktere des Casts, die man fast gar nicht zu Gesicht bekommt. Wie schon geschrieben: Angie Harmon brilliert. Und Sasha Alexander macht ihre Sache auch sehr gut, zumal die beiden Darstellerinnen wunderbar harmonieren. Die Stimmung des Piloten ist düster, die Bilder explizit und hart. Der Plot funktioniert gut, ist spannend und wartet mit einem Twist auf, der genauso unerwartet wie absolut logisch ist.
Damit macht der Pilot auf jeden Fall Lust auf mehr und es fällt mir nicht schwer, ihn aus den drei beschriebenen als den sicherlich besten zu bezeichnen.

Meine TV- und Statistik-Kolumne bei Quotenmeter.de
Kommentar abgeben