Wetten, dass..? am Ende, tot und begraben

AlphaOrange, 6. November 2011

Hape Kerkeling sagt die Nachfolge für Thomas Gottschalk als Moderator von Wetten, dass..? ab. Schocker am Samstagabend. Was nun? Die große Samstagabendshow steht vor dem Ende, die Familienshow allgemein am Abgrund und das Abendland vor dem Untergang. Vielleicht verschwindet mit Wetten, dass..? ja auch gleich das ganze ZDF in der Bedeutungslosigkeit. Ohne Thomas Gottschalk hat das Fernsehen keine Zukunft mehr.

Solche Eindrücke kann man jedenfalls gewinnen, wenn man am benannten Abend oder am nächsten Morgen durch die Online-Presse blätterte, die unvermindert dort weitermacht, wo sie zu Beginn des Jahres nach dem Unfall von Samuel Koch und Gottschalks nachfolgender Ankündigung seines Rückzugs angefangen hat: Die Nachfolge zu einer nationalen Aufgabe und einem Ding der Unmöglichkeit gleichermaßen zu verklären.

Und genau das halte ich für absoluten Blödsinn. Ich finde geradzu grotesk, dass fast die gesamte Medienpresse das Schicksal einer erfolgreichsten Shows Deutschlands und ganz Europas von einem bzw. zwei Männern abhängig macht. Desweiteren glaube ich, die Rolle Thomas Gottschalks bei Wetten, dass..? wird gnadenlos überschätzt.

Wenn wir uns von vornherein darauf einschießen, dass so eine Show nur von einem der Top-5-Moderatoren Deutschlands moderiert werden darf, bekommen wir natürlich ein Problem, aber was sind denn eigentlich die wahren Kriterien? Zweieinhalb bis drei Stunden Live-Show sollten überstanden werden können. Ein bisschen Smalltalk mit Prominenten, vielleicht hier und da eine kleine Anekdote, Tiefgang oder besonderes Hintergrundwissen ist nicht erforderlich. Keine Berührungsängste mit großen Namen. Sollte Jung und Alt gleichermaßen ansprechen können. Lockerer Umgang mit Wettkandidaten. Eigenes Profil mitbringen, sich selbst aber auch mal in den Hintergrund stellen können.

Jetzt können wir natürlich genug Moderatoren heraussieben, die man unmöglich moderieren lassen kann. Jörg Pilawa würde die jungen Zuschauer in Scharen verscheuchen. Stefan Raab würde die alten Zuschauer in Scharen verscheuchen (und sei es nur aufgrund uralter Vorurteile, die von diversen und zwar zahlreichen Medien im Vorfeld wieder auf höchster Stufe aufgekocht würden). Schmierige Selbstdarsteller und blasse Moderationsautomaten finden sich auch zu Genüge. Aber der Markt an Moderatoren ist groß, sehr groß. Man müsste nur ein Kriterium streichen, dass ich oben noch nicht einmal aufgeführt habe, das irrigerweise aber ein Basisaspekt zu sein scheint: Erfahrung mit großen Live-Shows.

Leider scheint in Deutschland der Blick auf den Moderatorennachwuchs verloren gegangen zu sein. Es ist kein Wunder, dass wie vor zehn Jahren Jauch, Balder, Pilawa, Kerner, Raab und Konsorten die Szenerie dominieren. Frisches Blut? Mangelware. Der Mut, auf Talente zu setzen, ist verschwunden, gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen, die in den letzten Jahren munter bei den Privaten auf Shopping-Tour gehen anstatt ihre dutzende Spartenkanäle zu nutzen, um sich den eigenen Nachwuchs selber zu züchten. Ich habe selber nicht den Überblick, aber ich bin mir sicher, dort finden sich zahlreiche Juwele.

Und ich glaube, das weiß auch das ZDF und es ist mehr die Öffentlichkeit, die immer und immer wieder nach den gleichen bekannten Kandidaten fahndet und aus Mangel an Material selbst diejenigen immer wieder in den Ring stößt, die längst abgesagt haben oder gar nicht zur Verfügung stehen. Wird es vielleicht doch Pilawa? Macht Gottschalk eventuell überraschend weiter? Oder war das mit Hape Kerkeling nur ein geschicktes Ablenkungsmanöver, damit die Überraschung umso größer ist, wenn er doch Ja sagt? Glaubt mir – das wird vor der letzten Wetten, dass..? Ausgabe in diesem Jahr alles wieder diskutiert werden. Ich hoffe, Thomas Bellut behält sich den Blick fürs Wesentliche: einen guten Moderator finden.

Wetten, dass..? muss einfach einen Steffen Hallaschka aus dem Hut zaubern.

4 Kommentare

  1. Zu Teilen gebe ich dir Recht: Dass die Gottschalk-Nachfolge das Medienthema des Jahres zu sein scheint, hat etwas von einer rekursiven Überschätzung Gottschalks. Jeder, der ihn in den letzten zwanzig Jahren verriss, muss ihn nun zum medienkulturellen Nationalgut erklären.

    An und für sich ist ein Moderatorenwechsel denkbar, die rein faktischen Anforderungen (Livetauglich, Smalltalk, eigenes Profil, keine Berührungsängste) bringen einige Leute mit. Dennoch würde ich im Sonderfall von “Wetten, dass..?” deinem im Quotenmeter-Forum getätigten Vergleich mit “Schlag den Raab” auch ein wenig widersprechen.

    Dass Opdenhövel über Nacht ausgetauscht werden konnte, die eingeschworenen Fans Amok liefen und die Sendung beim normalen Publikum unkommenriert weiterläuft (und offenbar auch keine Fans abspringen), ist allein schon wegen der Gewöhungszeit nicht mit Gottschalks Abgang zu vergleichen.

    Sehr viele Zuschauer sind mit Gottschalk ans deutsche Unterhaltungsfernsehen gewachsen. Er moderiert “Wetten, dass..?” halt so lange, dass er und die Sendung subjektiv zusammenwuchsen. Deswegen hat Gottschalk auch abseits “seines” Flagschiff-Projekts ja auch nur einen Bruchteil des Erfolges. Ja, viele könnten eine Sendung wie “Wetten, dass..?” angemessen moderieren. Aber da liegt der Teufel mMn im Detail: Sie könnten eine Sendung WIE “Wetten, das..?” moderieren und beim Publikum ankommen.

    Doch durch zwei Jahrzehnte Gottschalk werden sehr viele vom Gottschalk-Nachfolger erwarten, dass er/sie es GENAUSO macht. Es ist das Phänomen Harald Schmidt/Anke Engelke, nur ein paar Nummern größer. Und ich denke, dass das Thema auch deshalb so heiß gekocht wird. Will jemand Gottschalk imitieren, kann er nur scheitern. Macht er es anders, ist es ungewohnt und zunächst “falsch”.

    Rein rational liegst du richtig, aber emotional liegt die Wahrheit wohl zwischen deiner “Eigentlich schnuppe”-Haltung und der medialen Aufregung, “Wetten, dass..?” sei dem Untergang geweiht. Finde ich. ;-)

  2. Genau diesen Punkt, dass die Sendung und Gottschalk zu einer Einheit geworden sind, zweifle ich an. Kleiner Selbsttest. Wie oft hörst du die Phrasen
    “Gestern den Raab gesehen?”
    “Gestern den Jauch gesehen?”
    “Gestern den Pilawa gesehen?”
    Kenne die Varianten alle, letztere zugegebenermaßen eher von betagten Gesellen. Aber
    “Gestern Gottschalk gesehen?”
    kommt mir fast nie unter. Das Ding heißt bei den Leuten immer noch “Wetten, dass..?” Und wenn darüber diskutiert wird, dann zu 90% über die Wetten und nicht über den Moderator. Das tut nämlich nur die Presse.

    Ich bezweifle, dass Thomas Gottschalk außerhalb der Feuilletons, die ihn schon vor Urzeiten zur ambivalenten Show-Ikone erhoben haben, eine wirklich so starke Bedeutung für die Show hat. Die Show hat eine gigantische konzeptuelle Säule, die die Leute einschalten lässt. Hier übrigens passt der Vergleich zu “Schlag den Raab” durchaus, denn dort sehe ich das ähnlich. Das Konzept würde auch mit anderen Leuten an Raabs Stelle funktionieren, zB mit Yoko und Klaas (etwa angelehnt an den schwedischen Ableger). Ganz einfach weil das Konzept stark ist.

    Das ist nicht überall so. Ich glaube, WWM würde einbrechen ohne Günther Jauch und über TV Total etwa brauchen wir erst gar nicht zu diskutieren. Bei Pilawa (da ich den ja anfangs mit den beiden in eine Reihe stellte) liegt der Fall nochmal anders: Dessen Showkonzepte sind derart uninspiriert, dass man sich nach dem Anschauen schlichtweg nicht einmal mehr an den Titel erinnern kann.

  3. Ich höre durchaus öfter “Gottschalk” statt “Wetten, dass..?”, da wären wir also wieder bei dem Punkt, dass jeder seinen eigenen Freundeskreis als repräsentativ nimmt. ;-)

    Dass, unabhängig davon ob nun das Konzept interessant ist oder der Moderator das Zugpferd ist, ein Austausch der Kernfigur den Quoten schaden kann, sieht man mMn bei “Verstehen Sie Spaß” und noch besser bei “Schlag den Star”. Beide Sendungen könnten mit zig Menschen in der Schlüsselrolle funktionieren – aber wenn sich das Publikum an eine Person gewöhnte (etwa Raab als Stammgegner), dann vergleicht es nunmal.

    Aber naja, was soll man mutmaßen, ob Gottschalks Nachfolger sofort einen schlechten Stand hat, oder nicht. Wird sich eh in ein paar Monaten zeigen. *g*

  4. Es wäre um die Sendung nicht sehr schade – das Format ist sehr veraltet und wird nicht mehr lange die Zuschauer anziehen, die es braucht. Das wären Zuschauer, die das Internet noch nicht entdeckt haben.

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