TV-Wunschliste für 2012

AlphaOrange, 31. December 2011

Das Jahr 2011 geht zuende, aus TV-Sicht sicherlich mit einigen erfreulichen und einigen ernüchternden Entwicklungen. Das ZDF hat immer noch keinen Gottschalk-Nachfolger gefunden, die ARD sucht händeringend nach Prä-Rentenalter-Publikum, auf RTL wurde Niveau endgültig als Quotenkiller ausgemacht, was sich auch Sat.1 dankend zu Herzen nahm während es alle seine aufgewärmten 90er-Formate genüsslich versenkte und sich dennoch gut aufgestellt sieht.

Meine Wunschliste für das deutsche Fernsehen 2012

  • Mehr Sitcoms auf ProSieben! Nein, bitte, versteht mich nicht falsch. Das soll nicht heißen, dass noch mehr Sendeplätze mit Sitcoms gepflastert werden sollen, es wäre nur einfach mal schön, wenn das Spektrum an Serien über endlose Schleifen von Two and a Half Men, How I Met Your Mother und The Big Bang Theory hinausreichen würde. In den USA boomt das Gerne und hier werden gerade einmal drei Serien mit Wiederholungen um Wiederholungen durch die ganze Primetime verteilt. Mit dem Start von New Girl ist der erste Schritt getan, jetzt gilt es die Gunst der Stunde zu nutzen. Mike & Molly, Community, 2 Broke Girls, jagt RTL endlich Modern Family ab, sagt ZDFneo, das Abtreten von The Middle sei ein Versehen gewesen, gebt Cougar Town eine neue Chance und den richtigen Sender. Wenn ihr den Comedy-Boom verpennt oder mit idiotischer Sendeplanung zerstört, seid ihr selber schuld!
  • Und auch das gilt insbesondere für ProSieben: Schluss mit Doppel-, Dreifach- und Vierfach-Folgen! Das ist nichts weiter als ein erbärmliches Zeichen dafür, dass ihr nicht daran glaubt, dass die Zuschauer in der nächsten Woche tatsächlich zurückkehren. Und nach außen wirkt es vor allem so, als ob es sowieso nichts anderes gäbe, was man senden kann. Manchmal glaubt man echt, manch Programmplaner habe das Grundkonzept von TV-Serien noch nicht verstanden. Nutzt die gut laufenden Serien doch lieber, um Neulinge anzuschieben!
  • Casting-Revolution: Qualität statt Tränendrüse! The Voice of Germany hat es vorgemacht, wie Casting als sowohl niveauvolles als auch erfolgreiches Fernsehen funktioniert. Können wir damit nicht endlich die Trendwende einleiten und die Kandidaten, die diese Shows als Protagonisten immerhin tragen, wieder ernstnehmen statt sie lächerlich zu machen? Dafür müssen sich die Shows selber natürlich auch wieder ernstnehmen und die Macher wieder an ihre Formate glauben. Ein Deutschland sucht den Superstar funktioniert auch, wenn man es nicht zur Freakshow pervertiert, ein Germany’s Next Topmodel kommt auch danna an, wenn es nicht in absurde und absurd unglaubwürdige Dramaturgien verpackt, die in erster Linie Stress auslösen sollen. Für Popstars ist es wahrscheinlich zu spät. Das abgehalfterte Schmierentheater will ohnehin niemand mehr sehen, also ab damit in die Tonne.
  • Liebe ARD: Jetzt lasst doch endlich mal eure Pfoten von den Ideen der Privaten! So ist das mit dem dualen TV-System wahrlich nicht gedacht. Glaubt ihr im Ernst, das öffentlich-rechtliche Fernsehen kann seine Vorreiter-Rolle auf dem deutschen Markt zurückgewinnen, indem es nicht nur dreist versucht, ein Format wie Switch reloaded zu kopieren, sondern zu allem Überfluss dafür auch noch die Akteure des Originals abwerben will? Mehr Innovation, mehr Mut, weniger Schubladendenken. Erobert neue Genres, wagt TV-Experimente und das bitte zu einer Sendezeit vor Mitternacht. Ihr habt das Geld, also nutzt es doch bitte auch. Ab und an einfach mal einen Blick auf die Insel zur BBC werfen wie es dort läuft. Und falls das außerhalb des Ereignishorizonts der ARD-Verantwortlichen liegt, reicht auch erst einmal Mainz. Im ZDF funktioniert das nämlich seit einiger Zeit schon deutlich besser.
  • Wo ich gerade beim ZDF bin: Beendet endlich das Theater um Wetten, dass..?. Das ins Unendliche gezogene Herumgehampel bei der Suche nach einem Gottschalk-Nachfolger ist mindestens genauso peinlich wie die Presse, die Gottschalk post moderationem zum Großmeister der TV-Unterhaltung gekürt und seine Fußabdrücke auf die Größe des Bodensees hochskaliert hat und all die selbsternannten Experten, die meinen altkluge Ratschläge zur Rettung einer Show geben zu müssen, die eine der erfolgreichsten der Gegenwart ist. Die Pilawas dieser Welt werden in den nächsten Monaten sicher nicht weniger. Habt mal ein bisschen Vertrauen in eure Moderatorengarde, präsentiert selbstbewusst einen Nachfolger und baut um Himmels Willen nicht die ganze Show um.
  • Nochmal zurück zu den Sitcoms: Sat.1, hier ist mal ein bisschen Engagement gefragt. Kann doch nicht sein, dass ihr seit Jahren Pastewka als einzige Comedyserie inmitten irgendwelchen Sketch-Breis durchschleppt. Da braucht man sich nicht wundern, wenn der Freitag der Inbegriff von Instabilität ist. Mehr deutsche Serien heißt nicht nur, untote Kommissare aufzuwärmen, sondern auch mal wieder etwas für den Comedystandort Deutschland zu tun (und nicht nur untote Latenight-Moderatoren aufzuwärmen). RTL hat in den 90ern gezeigt, wie eine florierende Sitcom-Landschaft funktioniert und wie man sie zugrunde richtet. Zumindest ersteres sollte man mal angehen – jetzt oder nie!
Und nun ein fröhliches neues Jahr 2012!

Morgen: Meine Wunschliste für das US-Fernsehen 2012.

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