Bei Stefan Niggemeier bin ich wieder auf ein Thema gestoßen, das mich in einer gewissen Art und Weise fasziniert und über das ich einst mal Material für einen kleinen Blogeintrag gesammelt hatte (stattdessen hab ich das Blog dann dicht gemacht – auch eine Lösung): im Artikel über das Totschweigen des NPD-Kandidaten für das Bundespräsidentenamt findet sich ein erstaunliches Ergebnis aus dem ProSieben-Videotext: demnach gäben über 50% der Anrufer ihre Stimme dem NPD-Mann.
Im wirren Dschungel der Videotext-Umfragen kein Einzelfall, wenngleich sich rechtsradikale Tendenzen eher selten zeigen, aber das auch nur, weil die Antwortmöglichkeiten das zumeist von vornherein ausschließen. Man braucht nur mal einen Blick auf die TED-Seiten von Sat.1 (ab Videotext-Seite 180) werfen, die der Sender mit der Zeit immer weiter ausgebaut hat, weil die Besucher auch bei der hundertesten “Sonntagsfrage” immer noch fleißig anrufen. Dort schaut das aktuelle Wahlergebnis (S. 183) gerade so aus:
55.4% SPD
05.3% CDU/CSU
06.8% Bü90/Grüne
03.6% FDP
27.5% Linkspartei
01.4% Ich wähle nicht
Man braucht kein großer Politik-Experte zu sein, um zu festzustellen: TED-Umfragen bilden die Realität sehr unzureichend ab. Wobei unzureichend hier soviel bedeutet wie: gar nicht.
So schaut das übrigens jede Woche aus, wie sich aus der Archiv-Tafel (S. 186/3) entnehmen lässt: Die SPD hat meistens die absolute Mehrheit und die ist zweitstärkste Kraft (außer in Woche 10, da hatten mal 26% keine Lust, zu wählen). Hat Sat.1 ein so sozialistisch geprägtes Publikum? Nein, sicher nicht. Viel mehr ist zu vermuten, dass die Anruferschaft größtenteils aus mittellosen Hartz-IV-Empfängern besteht, die eine Protestnote gegen die Kanzlerin der CDU setzen wollen und dabei gar nicht merken, dass sie sich gerade von Sat.1 das Geld aus der Tasche ziehen lassen, das ihnen am Ende des Monats fehlt. Und am Wahltag bleibt man dann doch lieber auf dem heimischen Sofa, denn Politik funktioniert eh nicht.
Doch Sat.1 bringt nicht nur Menschen dazu, ihre Meinung kund zu tun bei einer Umfrage, die nichts wert ist und niemanden interessiert. Sie bringen sogar Anrufer dazu, der Welt keine Meinung mitzuteilen:
Sollte man Stasi-Akten schließen?
48.1% Ja
50.5% Nein
01.4% Mir egal
Urlaub für Abgeordnete sperren?
34.6% Klar
57.7% Wohl kaum
07.7% Weiß nicht
Und hier noch ein besonders tolles bzw. zynisches Exemplar, das ich einst bei ProSieben aufgelesen habe:
Jugendamt muss täglich 77 Kinder vor ihren Eltern schützen. Woran liegt das?
48.0% Eltern
30.7% Staat
10.7% Keine Arbeit
06.7% Alkohol
04.0% Mir egal
Irgendwer ist mal auf den Trichter gekommen, dass mit “Mir egal” und “Weiß nicht” noch eine Handvoll Anrufe abgegriffen werden können. Seither findet man diese Antwortmöglichkeit überall.
Das finde ich eigentlich das Erstaunlichste an der ganzen Geschichte: Menschen rufen an, um der Welt mitzuteilen, dass sie keine Ahnung von einem Thema haben. Oder es sie nicht interessiert.
Fassen wir zusammen: wer bei Videotext-TEDs mitmacht, kann seine Meinung eigentlich auch direkt auf teures Briefpapier schreiben und dann im Kamin verfeuern. Dann kann man dabei immerhin noch die Wohnung heizen.
Und im zweiten Teil: miese Tricks, damit die Anruferzahlen durch die Decke schießen und warum ProSieben ein Problem mit der Marktforschung hat.

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